Lesestoff mit Motivationsgarantie
Diese Geschichte erschien in der Zeitschrift Sozialcourage. Vier Mal im Jahr berichtet sie von Menschen, die sich sozial engagieren. Erfahren Sie mehr über Sozialcourage – Das Magazin für soziales Handeln
„Es braucht nur jemanden, der eine Sache anstößt“
Drei kurdische Schwestern sollten abgeschoben werden. Jetzt dürfen sie bleiben, weil ehrenamtliche Helfer sich für sie einsetzten.
Jeder Mensch verfügt über Talente. Die kann er nutzen für sich selbst oder auch für andere. Im südbadischen Münstertal machen die Menschen seit Jahren gute Erfahrungen damit, ihre Talente zu tauschen: Beim Nachbarn einen Baum sägen, im Gegenzug für ein Fest einen Kuchen backen. Viel wichtiger aber als die praktische ist dabei offenbar die ideelle Ebene: Talente tauschen steigert die Lebensqualität. Das jedenfalls meint Tauschring-Mitglied Barbara Hirth: „Unser Tauschring ist eine Art Nachbarschaftshilfe, in der wir Gemeinschaft spüren und näher an andere herankommen.“
Zurück in eine traumatisierte Vergangenheit
Zu den Nachbarn gehörte auch die siebenköpfige kurdische Familie Sönmez, die bis vor kurzem in der idyllisch gelegenen Ortschaft nahe Bad Krozingen lebte und in größter Not war: Ihre drei Töchter sollten von der Familie getrennt und in die Türkei abgeschoben werden. Ein Land, dem die Mutter nach Misshandlungen schwer traumatisiert entkommen war. Wegen ihrer daraus entstandenen psychischen Erkrankung hat sie, ebenso wie der Ehemann und der jüngste Sohn, in Deutschland ein Bleiberecht bekommen. Auch der ältere Bruder, mit einer Deutschen verheiratet, hat ein eigenständiges Aufenthaltsrecht. Nur Hülya (26), Ayfer (21) und Sibel (23) sollten Deutschland wieder verlassen, weil sie bei der Einreise im Jahr 2001 nach dem Asylgesetz bereits volljährig waren und deshalb nicht mehr dem besonderen Schutz der Familie unterlagen. In allen Instanzen des Asylrechts waren sie gescheitert. Nun lag ihr Fall vor dem Petitionsausschuss des Landtags, bei dem die Anwältin der Familie beantragte, dass die Schwestern bleiben dürfen. Ohne große Hoffnung auf Erfolg: Zu eindeutig war die Rechtslage.
Nachbarschaftshilfe sorgt für Lichtblicke im Alltag
Vom Schicksal der Familie Sönmez las das aktive Tauschring-Mitglied Inge-Lore Andres in der Tageszeitung und ließ sich davon
berühren. Für sie war das ein klarer Fall für die bewährte Nachbarschaftshilfe. Sie beschloss, die Familie zu unterstützen,
zumal man einander sympathisch fand. Und irgendwas würde die Familie auch zum Tausch anbieten können: Fenster putzen, bügeln,
Kinder hüten… Inge-Lore Andres gründete gemeinsam mit Barbara Hirth die Sönmez-Initiative. „Ein Petitionsantrag allein bringt
noch keinen Erfolg“, hatten sie in Erfahrung gebracht. „Ein Ausländer muss auch nachweisen können, dass er in Deutschland
angekommen ist.“
Gelegenheiten, sie im Alltag dabei zu unterstützen, boten sich zuhauf: Die Töchter, die damals noch zur Schule gingen, bekamen
Deutsch-Nachhilfeunterricht. Wenn Behördenangelegenheiten zu regeln waren, ging jemand von der Initiative mit. So war, zum
Beispiel, viel leichter an das geforderte polizeiliche Führungszeugnis zu kommen. Der Vater, der in einer Bäckerei im fernen
Freiburg arbeitete und sehr unregelmäßige Arbeitszeiten hatte, wurde hingebracht oder abgeholt, wenn Busse und Bahnen nicht
mehr fuhren.
Die Abschiebung mit allen Mitteln verhindern
Und, was sehr viel Zeit kostete: Die Mitglieder des Petitionsausschusses mussten in unzähligen Anrufen und Gesprächen davon überzeugt werden, dass die Familie nicht auseinander gerissen werden dürfe. Als im Lauf des zwei Jahre währenden Schwebezustands nach der Landtagswahl 2006 die Ausschussmitglieder wechselten, „mussten wir wieder von vorne anfangen“. Doch sie fanden mehr und mehr Mitstreiter. „Positiv überrascht“ waren Barbara Hirth und Inge-Lore Andres über die breite Unterstützung, die die Initiative in der Bevölkerung fand: in Kirchengemeinden, bei Bürgermeistern, bei Landtagsabgeordneten, dem Südbadischen Aktionsbündnis gegen Abschiebungen und sogar einem Staatssekretär im Finanzministerium. „Es braucht nur jemanden, der eine Sache anstößt“, sagt Barbara Hirth. Und dann zieht sie ihre Kreise. „Jeder hat geholfen, wie er konnte.“ Zum Beispiel Kontakte zum örtlichen Kloster genutzt. „Wenn es zum Schlimmsten gekommen wäre, hätten wir versucht, die Familie dort unterzubringen.“
Sieben Jahre Ungewissheit haben ein Ende
Zunächst sah es danach aus, als käme es zum Schlimmsten: Der Petitionsausschuss sah keine Rechtsgrundlage – andere als juristische
Kriterien darf er nicht zugrunde legen - für das Bleiben der Töchter und lehnte den Antrag ab. Dennoch habe das Innenministerium
selbst großes Interesse bekundet, eine gute Lösung zu finden. Blieb ein Antrag bei der Härtefallkommission des Landes, die
nicht nur nach Recht und Gesetz, sondern auch nach humanitären Gesichtspunkten entscheiden darf. Da spielt es keine geringe
Rolle, wenn sichtbar wird, wie viele Menschen sich für ein Bleiben der abgelehnten Asylbewerber einsetzen. Das war im Fall
der Sönmez-Schwestern unübersehbar. Inge-Lore Andres hatte sich eingesetzt, dass zwei von ihnen eine Ausbildungsstelle im
Kurhaus von Bad Krozingen bekamen. Das fiel umso leichter, als beide „sehr fit sind“. Die dritte hat eine feste Putzstelle
angenommen. Alle drei Schwestern sind somit auf dem Weg in die wirtschaftliche Unabhängigkeit.
Anfang Dezember vergangenen Jahres war es endlich so weit: Nach sieben Jahren Unsicherheit war die Zeit des Bangens für die
drei Schwestern vorbei. Das baden-württembergische Innenministerium erteilte ihnen auf Ersuchen der Härtefallkommission eine
Aufenthaltserlaubnis. Ohne das beharrliche mehr als zwei Jahre währende ehrenamtliche Engagement der Sönmez-Initiative hätte
ihr Schicksal eine ganz andere Wendung nehmen können. Die Beteiligten brauchen nach den Jahren der Anspannung erst mal Zeit,
die positive Wendung zu verdauen. Aber „jetzt suchen wir einen schönen Raum zum Feiern“, strahlt Barbara Hirth.
Anita Rüffer
Kontakt zur Sönmez-Initiative: Inge.Andres@t-online.de oder barbara.hirth@t-online.de
