„Keiner kann etwas erklären“
Die Frau ist allein erziehend. Sie hat drei Kinder und lebt von Hartz IV. Ihre Tochter studiert, erhält Unterhalt vom Vater
und hat keinen Anspruch auf Bafög. Sie kam mit ihrem Leistungsbescheid und einem Bekannnten in die Beratung:
„Ich gehe auf keine Behörde mehr ohne Begleitung. Wissen Sie, wie die einen behandeln? Auf der Wohngeldstelle haben die mir
gesagt, dass die den Antrag meiner Tochter nicht annehmen, weil Bafög-Empfänger einen Antrag bei der ARGE stellen müssen.
Bei der ARGE haben die meinen Antrag abgelehnt, weil meine Tochter mit dem Unterhalt genug Einkommen hat. Das Kindergeld jedoch
wird bei mir abgezogen, das bekommt meine Tochter gar nicht. Das kann doch nicht sein. Ich bekomme nicht die volle Miete gezahlt,
weil meine Tochter raus fällt. Bis zu diesem Bewilligungsabschnitt hat meine Tochter Wohngeld bekommen. Meinen Bescheid verstehe
ich nicht. Auf der Behörde sind alle unfreundlich. Keiner kann etwas erklären, keiner hat Zeit. Ich leide unter Depressionen
und kann nicht mehr.“
Auszug aus dem Jahresrundbrief 2008 der Caritaskonferenzen im Erzbistum Paderborn
„Ich trau mich da nicht alleine hin“
Behördenbegleiterinnen Marlies Teiting und Leonie Thauern
Die Zeiten werden härter, der Umgangston rauer. Auch in deutschen Amtsstuben. Hilfesuchende scheuen den Besuch von Behörden
und verzichten auf ihre Rechte. Im Erzbistum Paderborn können sie sich jetzt von Ehrenamtlichen der Caritas begleiten zu lassen. Marlies Teiting und Leonie Thauern sind zwei davon.
Statt freundlich-kompetente Auskünfte müssen sich Hilfe-Suchende in Sozialbehörden, bei Versicherungsträgern oder Arbeitsagenturen
immer häufiger dumme Sprüche anhören. „Bei Ihnen lohnt sich doch keine Kur mehr!“ oder: „Wie lange soll das mit Ihnen noch
weitergehen?“ oder „Wir finanzieren Ihnen doch kein Auto!“ Auskünfte werden verweigert, Informationen nicht verstanden. Die
Reaktion vieler Betroffener „Ich trau mich da nicht alleine hin“. Im Erzbistum Paderborn stehen ihnen jetzt eigens geschulte
Caritas-Ehrenamtliche zur Seite.
Marlies Teiting und Leonie Thauern engagieren sich seit fast 30 Jahren in der Caritas-Konferenz ihres Heimatortes Marienmünster-Vörden
im Kreis Höxter. 30 Jahre Caritas-Ehrenamt, dazu gehören auch unzählige Kontakte mit Behörden, etwa dem Sozial- und Ausländeramt
der kleinen Stadt oder mit der übergeordneten Ausländerbehörde des Kreises. Den Frauen ist kein Weg zu weit, sie scheuen keine
Mühe, wenn es beispielsweise darum geht, einem Flüchtlingskind aus dem ehemaligen Jugoslawien eine Herzoperation zu ermöglichen
oder einer Witwe mit Minirente zur Grundsicherung zu verhelfen.
„Wir machen uns stark für Frauen und Kinder“
Für Marlies Teiting ist das keine Floskel. Vor allem der jahrelange Einsatz für Aussiedler- und Flüchtlingsfamilien hat beide Frauen geprägt. Konflikte mit Behörden sind da vorprogrammiert. Seit einigen Monaten sehen Marlies Teiting und Leonie Thauern ihre Behördenkontakte mit ganz neuen Augen. Beide gehören zu den ersten Absolventen einer Schulung zum Behördenbegleiter, die die Caritas-Konferenzen im Erzbistum Paderborn und der Diözesan-Caritasverband ins Leben gerufen haben.
Behördenbegleiter brauchen eine nüchterne Distanz
Die wichtigste Lernerfahrung: Wer Hilfesuchende bei Behördengängen begleiten will, muss nicht unbedingt Jura studiert haben.
Es genügen einfache Kenntnisse zwischenmenschlicher Grundregeln. Vor allem gilt es, im sensiblen Beziehungsdreieck aus Behördenvertreter,
Hilfe suchender Person und Caritas-Ehrenamtlicher eine nüchterne Distanz zu wahren. Zwar ist klar, auf welcher Seite der Behördenbegleiter
steht, doch sollte niemals der Eindruck aufkommen, dass sich zwei Personen gegen einen Amtsvertreter verbündet haben. Der
Behördenbegleiter hat die Position eines Beobachters, macht Notizen, fragt nach, wenn etwas unklar ist: “Können Sie das bitte
noch mal erklären, Frau X bekommt keine Hilfe, weil...“ Auch bei „dummen Sprüchen“ gilt es, kühlen Kopf zu bewahren. Für Marlies
Teiting hat sich die Fortbildung jetzt schon gelohnt: „Ich werde nie mehr jemanden allein zum Amt schicken“, ist sie sich
sicher.
Jürgen Sauer - Caritasverband für das Erzbistum Paderborn
